BGM als Massenprodukt:
Quantität auf Kosten der Qualität gesteigert?

Der deutsche Arbeitnehmer verbrennt sich die Finger. Sparen Sie am richtigen Ende? Das Thema „betriebliches Gesundheitsmanagement“ hat im Jahr 2017 einen enormen Boom erlebt. Anbieter für Gesundheitsmaßnahmen sprießen aus dem Boden und der Gesetzgeber öffnet die Brieftasche. Dank Präventionsgesetz und weiteren gesetzlichen Vorgaben fühlen sich mehr und mehr Unternehmen dazu verpflichtet, ein Stück Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu übernehmen. Neben dem demographischen Wandel und dem Fachkräftemangel scheint es auch durchaus gute Gründe für betriebliches Gesundheitsmanagement zu geben. Nicht nur die Krankenkassen wittern neue Möglichkeiten um ihr Image aufzupolieren und über den Trend vom Healthy-Lifestyle die Gesundheitsprävention als Marketing- und Vertriebsmaßnahme zu nutzen. Das Angebot auf dem Gesundheitsmarkt steigt an, da der klassische Sportlehrer, Ernährungsberater und Entspannungstrainer neue Berufszweige entdeckt, die sich auch finanziell zu lohnen scheinen. Gleichzeitig gibt es kaum einen vergleichbaren Markt der in einem Jahr ein derart extremes Preisdumping erleben durfte, wie der groß angelegte Maßnahmenanbieter-Markt im BGM. Millionenschwere, mehrjährige Rahmenverträge und deutschlandweite Ausschreibungen sorgen, zusammen mit dem steigenden Angebot, für günstige Tagessätze von Trainern und Referenten, die sich nur über die Masse an Aufträgen rentieren können.

Die unangenehme Frage, die sich dabei aufdrängt ist jedoch: leidet die Qualität unter der Massenabfertigung im Gesundheitsmanagement?

Erstens: Als ob!
Können sich Großanbieter überhaupt die guten Leute leisten, wenn sie unter Druck stehen, den sinkenden Preis bedienen zu müssen? Nicht selten ist zu beobachten, dass Studenten und sehr junge Trainer (in Ausbildung) die Gesundheitsseminare, sogar fächerübergreifend, durchführen. Und wer prüft eigentlich, ob die entsprechende Qualifikation wirklich vorliegt? Wer setzt die Unterschrift unter den Rahmenvertrag und wer ist im Anschluss tatsächlich der Referent im Seminar? Mehr schlecht als Recht wird aktuell geprüft, wer im großen Stil die Gesundheitsmaßnahmen durchführt, sodass es schon üblich zu sein scheint, dass ein Sportwissenschaftler auch Ernährungsseminare anbietet, ein Ernährungsberater ein Stressmanagement-Seminar macht und der Psychologe eine Ergonomie-Beratung umsetzt. Vor allem bei zielgruppenspezifischen, fächerübergreifenden Maßnahmen für Führungskräfte, Schichtarbeiter und Auszubildende kann ein Referent streng genommen gar nicht für alle Themenfelder entsprechend zertifiziert sein.
Zweitens: Selbst wenn!
Ein weiteres Problem ergibt sich in der reinen Betrachtung der Qualifikation. Denn nur weil jemand ein guter Wissenschaftler ist, heißt es noch lange nicht, dass er auch geeignet ist ein gutes Seminar zu halten. Profis in der Branche wissen, dass Vorträge und Seminare eine Kunst für sich sind. Dies wird sich in den Grundzügen auch nicht durch die Digitalisierung ändern. Genau so wenig, wie Jeder der einen guten Witz kennt, nicht automatisch ein guter Comedian ist, so ist auch nicht jeder Fachmann ein guter Referent. So ist es wohl sehr sinnvoll, dass die Anbieter ihre Trainer und Referenten mindestens persönlich kennen und schonmal beurteilen konnten wie diese arbeiten, was heutzutage, bei Großanbietern, wohl kaum noch der Fall sein wird. So kommt es durchaus vor, dass ein Trainer schon Monate für einen Dienstleister im Einsatz ist und nie einen Mitarbeiter des Unternehmens persönlich kennengelernt hat. Echte Profis machen heute keine Wissenvermittlung mehr, sondern machen Seminare zu einem emotionalen Erlebnis. Die Qualitätssicherung darf nicht damit enden, dass die Inhalte via Powerpoint-Folien vorgegeben werden. PowerPoints vorlesen ist ohnehin unter Experten verpönt und wird auch von den Teilnehmern verständlicherweise als langweilig und extrem unnötig empfunden. Wenn sich ein Seminar durch das Vorlesen einer Broschüre ersetzen lässt, dann ist es ein wirklich schlechtes Seminar. Es wundert nicht, dass das groß angelegte BGM häufig als sinnlos empfunden wird und mindestens von der Führungsebene eher belächelt wird.

Kann ein betriebliches Gesundheitsmanagement durch und durch professionell bleiben, wenn unterm Strich der kurzfristige Profit das entscheidende Kriterium bleibt? Es hat durchaus einen Grund, dass professionelle Referenten und Seminarleiter Honorare von mehreren Tausend Euro am Tag haben. Wer letzt endlich dazu verpflichtet ist zu überprüfen, ob ein Referent nach §20 für BGM-Maßnahmen qualifiziert ist, konnte mir in meiner bisherigen Recherche noch niemand eindeutig beantworten. Vielleicht dürfen wir zumindest dies im Hinterkopf behalten, wenn man bedenkt, dass deutschlandweit tausende Referenten mit Mini-Löhnen in die Unternehmen rennen und Gesundheitsseminare für Großanbieter umsetzen. Vielleicht tuen wir uns gut damit, es mit anderen Massengütern zu vergleichen, die gut beworben werden, jedoch häufig einen Grund haben, warum sie so günstig angeboten werden können. Natürlich mag es  immer und überall auch gute Ausnahmen geben, doch bei einer großen Masse zu einem günstigen Preis, darf man zumindest kritisch hinterfragen.