Wer will denn schon vernünftig sein?

Das Wort „Gesundheit“ wird negativ assoziiert. Kaum jemand möchte vernünftig sein. Der Mensch möchte etwas erleben, ganz nach dem Motto „Sex, Drugs, Rock’n’Roll“. Schon als Kind hören wir höchst motivierende Aussagen wie „Iss deinen Brokkoli“, „Zieh deine Jacke an“, „Sitz grade“ und „Sitz nicht so nah vorm Bildschirm“. Das beste Argument was Eltern in dem Moment anbringen ist „das ist gesund, sei vernünftig“. Abweichend kommen zusätzlich noch weitere wenig überzeugende Aussagen wie „Sonst bekommst du viereckige Augen“, „Damit du groß und stark wirst“ oder „Sonst erkältest du dich“.

Schlussfolgernd kommt diese Überzeugungsstrategie immer genau dann, wenn es grade nicht schmeckt und keinen Spaß macht. Vielen Kindern läuft es kalt den Rücken hinunter wenn ihr Mutter ankündigt etwas „gesundes“ gekocht zu haben. Angenehmer ist es doch, wenn das Mittagessen mit „Ich habe etwas leckeres für euch.“ angekündigt wird. Diese frühen Erfahrungen bleiben als Erwachsener gut nachvollziehbar, wenn gezielt nach der Begeisterung für das Thema „Gesundheit“ gefragt wird. Es wird nach eigener Wahrnehmung häufig immer erst dann relevant, wenn man krank ist.

Es erinnert an lästige Arztbesuche und schmerzhafte Behandlungen. Ausgerechnet wird es immer dann zum Thema, wenn man alt und offensichtlich sterblich wird. Und wer möchte das schon? Am liebsten würden wir doch essen, trinken und machen was wir wollen ohne Krankheit und Tod jemals befürchten zu müssen. Wir wollen etwas erleben ohne uns einschränken müssen. Der Gesundheitsbegriff hat demnach heute einen anstrengenden und lästigen Charakter, der die schönen Dinge des Lebens verbietet.

Geh mir doch wech mit dem Thema Gesundheit“ ist in Deutschland wirklich kein selten ausgesprochener Satz. Besonders in den Momenten, wo die Gesundheit sich negativ auf die eigene Leistungsfähigkeit auswirkt, wird es zu einem sehr großen Frusterlebnis. Und jetzt auch noch die eigen Schwäche eingestehen und sich von einem Arzt oder Berater belehren lassen? Nein Danke. Zudem der Fachexperte in Deutschland doch nicht wirklich etwas weltbewegend Neues vermittelt. Das gesunde Ernährung, Bewegung, Schlaf und Entspannung sinnvoll sind, und dass Alkohol, Rauchen und Fastfood weniger, dass weiß doch jedes Kind.

Der Reiz des Verbotenen ist faszinierend. Fühlt sich ein Mensch in seiner freien Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt, resultiert nicht nur bei Kindern das bekannte Trotzverhalten. Wer einem Kind verordnet „sein Spinat essen zu sollen“, wird allein aufgrund der Formulierungsweise einen Widerstand hervorrufen. Dieses Reaktanzverhalten ist eine Reaktion auf Befehle oder einschränkende Regeln. Allein eine Regel kann also schon hervorrufen, dass wir die Arme verschränken und mit dem Satz „Ich muss gar nichts.“ reagieren. So kann sogar die Aufforderung „Geh raus spielen!“ oder „Iss deine Schokolade!“ einen unangenehmen Beigeschmack haben, der im ersten Moment das selbe Trotzverhalten hervorruft. Ob derjenige oder diejenige so oder so Schokolade essen wollte oder raus gehen wollte, spielt dabei keine Rolle. Es handelt sich hierbei nicht um eine rationale Reaktion, sondern eine emotionale Entscheidung, welche einfach „aus Prinzip“ getroffen wird.

Ein weiterer Aspekt der sehr gut die Liebe zu Verbotenem beschreibt ist die Entstehung von Präferenz über Verknappung. Angebot und Nachfrage beeinfluss sich immer gegenseitig. Je geringer das Angebot von einer Ware ist, desto hocher ist meistens der subjektive Wert. In unserer Welt sind also die Dinge von besonderem Wert, die selten sind. Dazu gehören typischerweise Diamanten, Gold, Champagner, Kaviar, sowie ausgerechnet die Dinge die verboten und damit limitiert sind. Wer begehrt schon, was er schon besitzt? Nimmt man einem Kind sein Spielzeug weg, was er zuvor nicht beachtet hat, so wird es plötzlich begehrenswert. So ist auch bei der Sexualpartnerwahl, der unnerrechbare Lieblingschauspieler meist spannender als derjenige, der hinter einem her dackelt und sich einem zu Füßen wirft.

Auch im Marketing finden wir reizvolle Angebote in Form von „Limited Editions“ und exklusiven „VIP“-Produkten. Allein die Aussage „Nur für kurze Zeit“ ist häufig schon der Auslöser für den Kaufimpuls bei Dingen, die wir eigentlich garnicht brauchen. Vereinfacht gesagt kann man es auf „Wir wollen haben, was wir nicht kriegen können“ herunter brechen. Sie können sich vorstellen, dass dieses Prinzip sowohl bei Kinders als auch bei Erwachsenen allgegenwärtig zu beobachten ist. Ob beim Autokauf oder bei der gewünschten Frisur. Inzwischen häufen sich die Studien über diesen faszinierenden Zusammenhang. In einer Studie wurde Kindern, in einem Kindergarten, gelbe und rote Schokolinsen angeboten. Die Roten wurden den Kindern jedoch für einen gewissen Zeitraum verboten. Die gelben Schokolinsen standen den Kindern ständig zur freien Verfügung. Im Laufe der Zeit, wuchs der Wert der limitierten roten Schokolinsen für die Kinder an. Sobald die diese wieder „erlaubt“ waren, stützten sich alle Kinder darauf. Bei gleichem Geschmack scheint allein die Farbe an ein Gefühl von Verknappung gekoppelt zu sein, was automatisch den wert dieser Produkte ansteigen lässt.

Weitere Studien in England haben vergleichbare Ergebnisse mit Schokoladeneiern über Ostern gezeigt. In diesem Fall gab es zwei Gruppen von Kindern. Einer Gruppe erlaubte man den freien Zugriff auf Schokoladeneier über die Osterfeiertage. Den anderen Kindern wurde der Zugriff limitert. Trotz der freuen Verfügbarkeit aß Gruppe 1 weniger und Gruppe 2 wesentlich mehr Schokoladeneier über Ostern. Süßigkeiten werden scheinbar schon auf Grund des gesellschaftlichen Verbots attraktiv und daher von Vielen präferiert.

„In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist wiederum ein Irrsinn für sich.“ (Voltaire)

By | 2018-05-03T14:54:40+00:00 Januar 18th, 2018|Ernährungspsychologie|0 Comments