Mythos „Schweinehund“: Motivation & Menschlichkeit

Der „Schweinehund“ ist eine Kreation der Leistungsgesellschaft und ist als Konstrukt so nicht haltbar. Warum der „Schweinehund“ nicht existiert erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Entfremdung der eigenen Schwäche.

Jeder Mensch hat Anteile, die er als solches nicht annehmen möchte. Insbesondere die menschlichen Anteile, die nicht als gesellschaftskonform in das bestehende Wertesystem hineinpassen, versuchen wir zu verdrängen. Allein, die Tatsache, dass der Mensch emotional gesteuert ist, und kaum wirklich rationale Entscheidungen trifft, ist eine Aussage, bei der sich manch einer schon provoziert und angegriffen fühlt*. Auch Angst wird in unsere Leistungsgesellschaft nicht gerne gesehen. Wir wollen stark und effizient sein und bestmöglich funktionieren. Denn Kontrolle gibt Sicherheit und befriedigt ein Grundbedürfnis des Menschen.

„Indianer kennen keinen Schmerz“, „Reiß dich zusammen“, „Sei nicht traurig“, „Echte Männer weinen nicht“, „Zeit ist Geld“, „Ohne Fleiß keinen Preis“. 

Schon die Sprache zeigt offensichtlich: wer nichts leistet ist nichts wert und damit der Schmarotzer-Abschaum der Gesellschaft. Darum gehen wir krank zur Arbeit, ignorieren unsere Körpersignale und optimieren uns stetig selbst.

Ich bin nicht mein Schweinehund

Die Personifizierung der eigenen Schwäche kommt uns sehr gelegen, wenn wir es nicht als Teil von sich selbst akzeptieren können. Es grenzt an Schizophrenie, eigene Persönlichkeitsmerkmale abzuspalten und sich über die Distanzierung über den „Schweinehund“ zu beruhigen. So wird der Leistungssaboteur zu einer Idee, die jeder kennt und wie eine Art Teufel, verantwortlich für all das Böse und Schwache auf dieser Welt ist. Der Kontrollverlust betrifft somit nicht mehr einen selbst, sondern ist fremdbestimmt. Ach, wie schön!

Die Paradoxie des Verhalten

Als Konsequenz des Schweinehundes wird häufig das „Unvernünftige“ betitelt: Essen, Zocken, Schlafen, Fernsehen, Bier trinken, Chillen und Nichts tun. Ist das nicht schön? Darf das etwa keinen Spaß machen oder bekommen wir unmittelbar ein schlechtes Gewissen, da wir glaube die Zeit „sinnvoller“ und „effizienter“ nutzen zu müssen? Manch einer plant sogar seine Freizeit und seinen Urlaub minutenweise, um bloß nicht ineffizient zu sein. Und was ist eigentlich mit der „Unvernunft“, wenn Menschen viel zu viel machen, was dann jedoch gesellschaftlich hoch anerkannt ist und gut ins Leistungsprinzip hineinpasst.

Gibt es denn auch eine Power-Raubkatzensau?

Was ist eigentlich mit denen, die keine Pausen machen, durcharbeiten, trotz Erkältung Sport machen, sich runterhungern, kaum Schlafen und sich nicht erlauben zur Ruhe zu kommen? Kaum jemand würde auf die Idee kommen, dass bei einem Workaholic oder Sportsüchtigen der Schweinehund seine Klauen mit im Spiel hat. Schließlich sind wir stolz darauf ein High-Performer zu sein. Das sind Idealvorstellungen von uns selbst, von denen sich kaum jemand distanzieren möchte.

Im Extrem liegt der Haken vergraben

Interessanterweise ist das Suchtmuster beim Stressesser, Raucher und Spielsüchtigen eins zu eins dasselbe wie beim Arbeitstier und Sportsüchtigen. Nicht selten ist es sogar so, dass eine Suchtverschiebung entsteht, wenn ein Muster nicht mehr greifen kann. So wird der Ex-Raucher schnell übergewichtig, der Ex-Workoholic fängt an zu saufen, der Magenband-Patient fängt an zu zocken und der Übergewichtige rutscht in die Sportsucht mit Essstörung. Streng genommen machen beide Seiten genau das Gleiche, doch alles das, was nicht mit Leistung zu tun hat, ist per Definition „falsch“ und dem Schweinehund zuzuschieben.

Ich bin gut und böse / Ich bin Ying & Yang

Jeder Mensch auf dieser Welt hat Ängste, Schwächen und eine böse, selbsthassende Seite. Der offene, bejahende Umgang mit Schwächen ist das, was uns in einer perfektionistischen Leistungsgesellschaft fehlt. Wir versuchen dazuzugehören, es uns selbst zu beweisen und etwas Besonderes zu sein. Geduld, Genuss, Genügsamkeit und Gelassenheit entwickeln sich zu NO-GOES der Leistungsorientierung – sind jedoch eine Bedingung für ein erfülltes und gesundes Leben. Wir dürfen ins Reine kommen mit unserer Normalität, mit unserer Vergänglichkeit, unserer Schwäche, mit unserem Tod und unser Schweinehund ist unser bester Freund. Wir dürfen aufhören ihn mit Gewalt und Druck bezwingen zu wollen, denn besonders in Deutschland hat er schon vielen Workaholics das Leben gerettet.

Ich jedenfalls werde heute Abend eine Pizza essen, ein Bier trinken und Ja: Am Ende meines Lebens werde ich vermutlich sterben und das ist auch gut so.