5 Gründe warum wir kein Obst- und Gemüse mögen.

Gesundheit scheitert nicht aufgrund von Wissensdefiziten, sondern an der Umsetzung. Im Folgenden werden die ernährungspsychologischen Hintergründe des Essverhaltens erläutert, welche begünstigen, dass häufig wenig Obst und Gemüse verzehrt wird.

1. Psychologische Reaktanz

Ein Mensch der sich in seinen freien Entscheidungen eingeschränkt oder bevormundet fühlt, reagiert mit einer Art „Trotzverhalten“. Ernährungsempfehlungen die vorschreiben, wie gegessen werden soll, bewirken bei der relevanten Zielgruppe eine Abwehrreaktion, da das Essverhalten ein sehr intimes und emotionsgeladenes Themenfeld ist. Allein die Aussage: „Esst mehr Obst und Gemüse“ erzeugt demnach Reaktanzverhalten und ist daher nicht zielführend. Schon die Ernährungserziehung bringt häufig mit sich, dass „Gesundheit“ und „Vernunft“ mit Unlust und Bestrafung assoziiert werden. Sätze wie „Iss deinen Brokkoli“, „Zieh deine Jacke an“, „Sitz grade“ und „Sitz nicht so nach vorm Bildschirm“ werden häufig als Ermahnungen wahrgenommen und sind unangenehm. Auch Erwachsene assoziieren das Thema „Gesundheit“ mit Arztbesuchen, Genussverzicht, Alter, Einschränkungen und Disziplin und sind daher selten begeistert wenn es um „gesunde Ernährung“ geht. Diesen Effekt konkret zu diskutieren und bewusst auf den „erhobenen Zeigefinger“ zu verzichten, verstärkt das Gefühl der Selbstständigkeit, Verständnis und Eigenverantwortung.

2. Entstehung von Vorlieben

Verknappung erzeugt Präferenz: Das was selten ist, ist wertvoll. Seltene Lebensmittel wie Champagner und Kaviar haben einen hohen Preis, da durch die Limitierung der Wert steigt. Ein Verbot oder eine Einschränkung bewirkt, dass Etwas als besonders wertvoll empfunden wird. Hieraus resultiert, dass die Lebensmittel, die als „schlecht“, „ungesund“ und „falsch“ betitelt werden unterbewusst als wertvoll und besonders bewertet werden. Die Dinge die im Überfluss angeboten werden, oder sogar aufgezwungen werden, werden demnach als minderwertig und uninteressant empfunden. Auf diese Weise lässt sich erklären, warum Obst und Gemüse häufig tendenziell gemieden werden. Diesen Zusammenhang zu erläutern holt die angesprochene Zielgruppe angemessen ab und motiviert für eine evtl. Verhaltensänderung. Erst durch das thematisieren von unbewussten Überzeugungen und Gedanken, lassen sich diese überdenken und verändern.

3. Rollenspezifisches Essverhalten

Das Essverhalten ist identitätsstiftend und gekoppelt an Überzeugungen und Emotionen. Solange ein Mensch diese psychologischen Zusammenhänge nicht kennt, ist es umso schwieriger gewohntes Verhalten zu verändern. Insbesondere bei schwierigen Zielgruppen, wie Männern, ist es sinnvoll das Thema „Männlichkeit“ und „Die Rolle des Mannes“ im Kontext der Ernährung zu diskutieren und zu präsentieren. Insbesondere typisch-männliche Verhaltensweisen werden mit hohem Fleisch- und Bierkonsum assoziiert. Solange ein Mann typisch-männliche Verhaltensweisen nachgeht um sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu bedienen, wir es schwer sein ihn von „weniger männlichen“ Verhaltensweisen zu überzeugen. Hier spielt auch „Alpha-Tierverhalten“, „Portionsgrößen“ und z.B. „Fleischessen als Ausdruck von Macht“ eine Rolle. Auch im Marketing sind häufig verwendete Bilder wiederzufinden, die dem Mann bei der Identitätsfindung als Mann dienen, jedoch nicht gesundheitsförderlich sind: Whisky, Bier, Rotwein, Zigarre, Pfeife, Burger, Steak, Grillen uvm.. All diese typischen „Bilder“ fließen natürlich in die alltägliche Lebensmittelauswahl ein und verhindern mitunter einen Mehrkonsum von Obst und Gemüse. Als Beispiel wird die Salatbar von den Männern, die der relevanten Zielgruppe zugehören, manchmal als unmännlich empfunden und u.a. daher unterbewusst gemieden.

4. Rational vs. Emotional

Ernährungsverhalten ist emotional gesteuert. Essensbezogene Entscheidungen sind unterbewusst und werden ca. 250 Mal am Tag getroffen. Es ist entscheidend die Zusammenhänge zu beschreiben und bewusst zu machen, die emotional bei einer Entscheidungsfindung ablaufen, damit der Mensch diese im Moment der Nahrungsaufnahme wahrnehmen und verändern kann. Zusammenhänge, die emotionales Essen, Stressessens und Heißhunger erklären, sind weitaus relevanter als auf rationaler Ebene an die Vernunft zu appellieren. Jegliches wissenschaftliches erläutern von Zusammenhängen der Ernährungsphysiologie ist rationales Vermitteln von Informationen. Da Essen nur bedingt rational gesteuert ist, ist der Appell an die Vernunft nicht ausreichend zielführend, unabhängig davon, wie richtig und evidenz-basiert diese Informationen sein mögen.

5. Extremes leistungsorientiertes Verhalten

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und der Geltungsdrang bewirken, dass viele Menschen harmoniebedürftig sind und leistungsstark sein möchten. Je mehr ein Mensch seinen Selbstwert aus der Bestätigung von Außen bezieht und Bestätigung über seine Leistungsstärke erfährt, desto wichtiger ist es ihm möglichst effizient zu sein und bestmöglich zu „funktionieren“. Hieraus resultiert u.a. eine sehr niedrige Fehlertoleranz und ein stark ausgeprägter Perfektionismus. Leistungsstärke und Effizienz bedeutet jedoch im alltäglichen Verhalten, dass der Faktor „Gesundheit“ mehr und mehr vernachlässigt wird: Keine Pausen, unbezahlte Überstunden, Arbeiten in der Mittagspause, Krank zur Arbeit gehen, wenig Schlafen, Schnell Essen, funktionalisiertes Essen, unbewusstes Essen, Multitasking, Ignorieren von Körpersignalen, Unvernunft, Drogenmissbrauch zur Leistungssteigerung oder emotionale Stressregulation. Es geht soweit, dass die Aussage „Ich bin gestresst“ als Ausdruck von Leistungsstärke dient und man stolz darauf ist. Der ausgeprägte Perfektionismus und die niedrige Fehlertoleranz sind zudem Ursachen für chronische Stressbelastung und damit Mit-Auslöser von Stressessen, Stressrauchen und Alkoholmissbrauch. Wir lieben „Sex, Drugs, Rock’n’Roll!“, denn es ist leider geil!

Lösung: Fördern von selbstwertschätzendes Verhalten

Solange sich ein Mensch für Andere aufopfert und maximal funktioniert, ohne sich um sein eigenes Wohlbefinden zu kümmern, stoßen vernunftorientierte Empfehlungen auf Granit.

Wieviel bin ich mir wert? Muss ich mich immer beeilen? Muss ich es Anderen immer recht machen und dabei meine eigenen Bedürfnisse und meine eigene Gesundheit vernachlässigen? Muss ich trotz Migräne zur Arbeit gehen? Muss ich Überstunden machen? Muss ich in der Mittagspause über die Arbeit sprechen? Darf ich Pausen machen wenn ich müde bin? Muss ich immer leistungsstark und harmoniebedürftig sein? Muss ich typisch männlich wirken? Bin ich es mir so viel wert, dass ich mich um mich selbst kümmern darf? Darf ich Nein-Sagen und Grenzen setzen? Bin ich genug?

Erst wenn die Selbstwertschätzung vorhanden ist, lässt sich mit Vernunft und wissenschaftlichen Argumenten zielführend arbeiten.

Das Fördern von Wohlbefinden, Selbstakzeptanz, Geduld, Genuss, Genügsamkeit und Gelassenheit sind die Schlüssel zu gesundheitsorientiertem Verhalten.