Wir sind alle voll gestört. Der Umgang mit Schwäche.

„Ich bin doch nicht verrückt?“

Der Verstand wehrt sich gegen diese Aussage, denn wer will schon zum Psychologen gehen?
Nehmen wir uns also 3-4 Minuten Zeit um uns mit unseren Schwächen auseinander zu setzen, oder machen wir doch lieber die Augen zu und ignorieren das Offensichtliche?

Am liebsten wären wir alle perfekt. Nicht erst seit Facebook geben wir uns große Mühe nach außen ein schönes, gepflegten und braves Bild abzugeben. Wir zeigen uns stets von unserer Schokoladenseite und geben unser Bestes. Als Belohnung für angepasst Verhalten erhalten wir ein gutes Zeugnis, herausragende Zertifikate, einen guten Job und ein glückliches Leben.  Wir lernen sehr früh, dass Leistung und Anpassung groß gelobt und belohnt wird und dass „aus der Reihe tanzen“ bestraft wird.

Was willst du denn mal werden? Reiß dich zusammen? Was glaubst du eigentlich wer du bist?

Kann es sein, dass es in einer Leistungsgesellschaft, wie in Deutschland, vielmehr darum geht als Zahnrad eines Systems perfekt zu funktionieren, als darum langfristig glücklich und gesund zu sein? Nicht umsonst, gehen wir trotz Beschwerden zur Arbeit, machen unbezahlte Überstunden, versuchen es allen Recht zu machen und opfern uns auf für Familie, Arbeit oder Körperbild. Wir versuchen Multitasking, können nicht Nein-Sagen und ignorieren unsere Grenzen. Wir identifizieren uns so stark mit unser Leistungsfähigkeit, dass wir eine unglaublich niedrige Fehlertoleranz haben und andere für ihre Schwächen verurteilen, da wird diese bei uns selbst nicht tolerieren können.

Man könnte meinen, wir wären nur noch so viel wert wie unsere letzte Leistung.
So kommt es, dass wir uns selbst beschimpfen, uns über uns selbst ärgern und uns manchmal sogar hassen für das was wir sind, sobald wir glauben einen Fehler gemacht zu haben. In dem Moment sind wir eben nur noch so viel wert wie unser letzter Fehler.

Darf ich mir erlauben zufrieden zu sein?

Wenn du glaubst Leistung liefern zu müssen, um dir Zufriedenheit erlauben zu können, so wirst du immer erst deine Liste abarbeiten müssen, um dir am Ende des Tages erlauben zu können, stolz zu sein. Schon als Kind werden wir gelobt und bekommen Anerkennung, wenn wir etwas „Richtig“ gemacht haben. Kaum jemand wird für seine „Fehler“ gelobt. Für diese werden wir eher ignoriert, ausgestoßen und beschimpft. Es fällt uns sehr schwer uns selbst zu mögen, wenn wir glauben etwas „falsch“ gemacht zu haben, oder nicht „ausreichend“ funktionieren. Wenn wir krank sind bekommen wir Panik, da wir als „faul“ und „untüchtig“ betrachtet werden könnten. Wenn wir etwas an uns selbst haben, was nicht „perfekt“ ist, so bekommen wir Angst nicht so zu funktionieren, wie wir es von uns erwarten.

Voll gestört?

Nach den bisherigen Jahren, die ich mit Menschen arbeiten durfte, habe ich eine Erkenntnis ganz klar vor Augen. Wirklich jeder Deutsche hat Angst und ein erschreckend niedriges Selbstwertgefühl. Ein niedriges Selbstwertgefühl deswegen, da es nicht aus uns selbst, sondern aus unserer Leistungsfähigkeit heraus definiert wird. Wird definieren uns mit Geld, Autos, Aussehen, Klicks, Likes, Preisen, Macht, Rekorden, Status, Jobs und vielem mehr. Fallen diese Dinge jedoch weg, Was sind wir dann noch wert? Wir glauben häufig schon als Kind „falsch“ zu sein, wenn uns ein Erwachsener sagt, dass wir keine Angst haben brauchen, wir jedoch Angst haben und diese nicht abstellen können. Es ist absolut normal seine eigenen Themen, Zweifel, Beschwerden, Ängste und Sorgen zu haben. Indianer kennen keinen Schmerz? Pustekuchen! Aufgrund der Tabuisierung Schwäche-behafteter Bereiche glauben wir häufig alleine zu sein mit unseren Themen. Dank der sozialen Medien glauben wir, dass alle anderen ein freies, zufriedenes, gesundes Leben führen würden. Doch wir sind nicht allein. Wenn wir die Augen offnen sehen wir sehr deutlich die Bedürftigkeit, die wir alle in uns tragen.

Alle anderen bekommen das irgendwie hin – nur ich nicht?

Alle haben Selbstzweifel, doch keiner will es zugeben. Wir verdienen viel Geld, kaufen schöne Klamotten und versuchen gebildet zu wirken. Und der Nächste rennt ins Fitnessstudio und präsentiert seine Leistung in Form von Muskelzuwachs. Wir sind nur dann wirklich stolz, wenn wir maximal funktionieren und Leistung liefern. Auch unsere Gesundheit spielt dann keine Rolle mehr. Wir nehmen Aufputschmittel und Drogen, um uns besser konzentrieren zu können, machen Schönheitsoperationen, um perfekt auszusehen, verzichten auf Pausen und Schlaf, um mehr „machen“ zu können, wir gehen krank zur Arbeit, um nicht „schwach“ zu wirken, da wir es offensichtlich nicht wert sind, uns nicht aufzuopfern und zufrieden zu sein mit dem was ist.

Ein offener Umgang mit seiner eigenen „Schwäche“, mit seinen Grenzen und mit seiner Vergänglichkeit ist häufig erst dann möglich, wenn es heftig geknallt hat. Manchmal brauchen wir erst Krisen, einen Herzinfarkt, eine Depression oder schwere Migräne um zu bemerken, dass wir nicht unendlich leistungsfähig sind. Und wir wehren uns dagegen, uns mit diesem Thema auseinander zusetzten.

Hat jemand diesen Text wirklich bis hierhin gelesen?

Ist es nicht Wahnsinn und unglaublich beruhigend zu bemerken, dass wir alle die selben Themen haben. Ich jedenfalls find es so schön zu sehen, dass wir doch alle nur nach Wertschätzung, Zugehörigkeit und Anerkennung streben. Anstatt das alle versuchen mitzuhalten, dürfen wir uns einfach daran erinnern, dass dies alles eine Illusion ist und wir in Wirklichkeit alle ein bisschen gestört sind. Vielleicht brauchen wir das. Und manchmal dürfen wir uns daran erinnern, dass es okay ist auch mal krank zu sein und dass wir mal nicht funktionieren. Vielleicht dürfen wir uns auch aktiv erlauben „zufrieden zu sein“ ohne etwas dafür geleistet zu haben. Wir haben alle unsere Selbstzweifel die uns nach vorne bewegen, unser Ängste die unser Verhalten bestimmen, unsere Süchte und Abhängigkeiten, die uns vor unangenehmen Emotionen ablenken, und unsere psychosomatischen Beschwerden die wir ignorieren um maximal zu funktionieren. Wir sind nicht allein.

Die Botschaft ist einfach: „Egal wie gut du funktionierst, DU BIST GENUG!“